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Erlebniswüste Namib -Spuren im Sand

Wüste schafft Raum für neue Gedanken, lässt das Normale neu erstrahlen und hilft das Wichtige vom Unwichtigen zu trennen. Wüste ist der Spiegel unserer Seele, kehrt das Innere nach Außen ob wir wollen oder nicht. Wüste verändert!

fotograf ingo boelter
© fotografie fotograf hamburg – www.ingoboelter.de

Endlos aneinander gereihte Dünenketten aus gelbrotem Sand, Kamelkarawanen in flirrender Luft, Fatahmorganen von Wasser und entfernten Orten, Temperaturen jenseits der vierzig Grad. So oder ähnlich sind die Vorstellungen von vielen von uns, wenn wir an Wüste denken. Viele Wüsten dieser Erde liegen heute in Ländern mit politisch instabiler Lage. Darüber hinaus existieren kulturelle und sprachliche Barrieren oder infrastrukturelle Hindernisse. Namibia, dass Kernland der Namib, ist in vielerlei Hinsicht etwas Besonderes. Eine funktionierende Infrastruktur und ein gut ausgebautes Straßennetz garantieren ein komfortables Reisen.

RELIKTE AUS DER KOLONIALZEIT

Viele Orte wirken irgendwie vertraut. Unvermittelt erscheinen im Baustil der Kaiserzeit errichtete Gebäude und deutsche Straßennamen im Stadtbild, ein Relikt aus der Kolonialzeit. Und doch Namibia ist ein Afrikanisches Land mit einer vielschichtigen Kultur. Die Namib, einer der größten, trockensten und ältesten Wüsten der Welt, ist hier allgegenwärtig. Nirgendwo sonst spielt der Faktor Zeit eine so untergeordnete Rolle und ist Ruhe so intensiv zu erfahren wie in den Gebieten rund um die Namib, die mit einer Größe von 300.000 qkm in etwa so groß ist wie die Bundesrepublik Deutschland (357.022 qkm), für europäische Verhältnisse nahezu unbesiedelt.

JENSEITS VON STRESS UND HEKTIK

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Seit jeher sind Menschen von Wüsten fasziniert. Gerade in unserer westlich geprägten Kultur mit der Rastlosigkeit des Alltags, der Vielzahl an visuellen und akustischen Reizen und dem ständigen Termindruck übt die Vorstellung an Wüste eine besondere Anziehungskraft aus. Wüste heißt Verzicht, Verzicht auf die alltäglichen Annehmlichkeiten aber auch die Abkehr von Hektik und Stress. Sich der Stille aussetzen, sich selbst zulassen, sich aushalten, mit sich ins Reine kommen. In Windhoek, der Hauptstadt von Namibia angekommen, bietet sich der gestressten europäischen Seele doch zunächst ein vertrautes Bild. Zur Gepäckausgabe hastend wird versucht jede sich bietende Gelegenheit zu nutzen diesen Ort schnellstmöglich zu verlassen – schließlich steckt die Optimierung unseres Alltags, der erst wenige Tage oder Stunden zurückliegt, noch in vielen von uns. Zeit ist Geld und wir wollen uns ja erholen und das so schnell und so intensiv wie möglich. Doch bald siegt die Gewissheit, dass die Uhren in Namibia langsamer ticken. Zunächst murrend und sich mit seinen Reisebegleitern mit gleichförmigem Kopfschütteln solidarisierend, werden die langwierigen Einreiseformalitäten erledigt. Irgendwann ergibt sich der Reisende aber dann doch in sein Schicksal und akzeptiert die langen Wartezeiten. Ist der Ankunftsstress erst einmal überwunden, macht sich schleichend die Erkenntnis breit, dass viele der vermeidlich so wichtigen Dinge und ermine zunehmend an Bedeutung verlieren. Man kommt zur Ruhe, genießt den Augenblick und freut sich zusehend an den nicht vorhandenen Dingen. Beispielsweise dem nicht vorhandenen Verkehrslärm und den wenigen, dafür aber intensiven, Begegnungen mit Menschen. Ganz im Sinne der Reduzierung auf das Wesentliche. Wurde diese Erkenntnis erst einmal verinnerlicht, wird die Reise zum puren Vergnügen und die einfachen, von je her kostenlosen aber zunehmend kostbaren Dinge rücken in den Mittelpunkt des Lebens: Zeit, Ruhe und der Genuss des Augenblicks.

ÜBERNACHTEN AUF NAMIBISCH

Eine ausgezeichnete Möglichkeit der Rastlosigkeit des Alltags zu entfliehen bieten die zahlreichen Gästefarmen und Lodges entlang der Namib. Die Eagle’s Nest Lodge in Klein-Aus Vista vermittelt dieses Erlebnis in wirklich beeindruckender Art und Weise. Die wenigen, individuell gestalteten Chalets scheinen mit der umgebenden Landschaft förmlich verwachsen zu sein. Liebevoll und bis ins Detail abgestimmt stellen bereits diese Unterkünfte ein Erlebnis für sich dar.

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Außerhalb der Räumlichkeiten auf der rustikalen Veranda, eröffnet sich dem Betrachter eine beeindruckende Landschaft mit pittoresk anmutenden Steinformationen und den am Horizont erkennbaren Dünenketten des Gondwana Sperrgebiet Rand Parks. Das in der Abenddämmerung entstehende Farbenspiel ist atemberaubend. Ein nach Sonnenuntergang aufkommender Wind umweht das aus grob behauenem Naturstein errichtete und um einen mächtigen Granitfels gebaute Chalet. Zusammen mit einem im Kamin lodernden Feuer entsteht so eine ganz besondere Stimmung. Tritt man vor dem Schlafen gehen nochmals hinaus, umhüllt den Betrachter eine fast fühlbaren Stille und der einzigartige Sternenhimmel der in vollen Zügen und allein genossen werden kann.

ALLEIN MIT SICH UND DER NATUR

Am nächsten Morgen lädt die Umgebung des Chalets zum Wandern ein. Gut ausgeschilderte Wege bieten, für geübte und ungeübte gleichermaßen, Möglichkeiten die Landschaft weiter auf sich Einwirken zu lassen. Auch hier ist man zumeist allein mit sich und der umgebenden Natur. Andere Wanderer sind nicht zu entdecken. Nur eins ist zu beachten, auch vermeidlich leichte Touren sind teilweise recht anspruchsvoll bzw. beinhalten oft Hindernisse, die nicht so leicht zu überwinden sind. Schwindelfrei und trittsicher sollte man auf jeden Fall sein. Nicht zuletzt dann, wenn ein ausgetrockneter Wasserfall ein hinunter rutschen erfordert oder aus vier Meter Höhe in ein sandiges, ausgetrocknetes Flussbett gesprungen werden muss, um seinen Weg fortzusetzen.

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Alles kein Problem, glaubt man den Betreibern der Chalets. Traut man sich dies nicht zu, muss man umkehren und die bereits zurückgelegte Strecke noch einmal gehen. Angesichts der Pfeilmarkierungen, die lediglich in Laufrichtung angebracht sind, ein oftmals schwieriges Unterfangen. Aber man hat ja genügend Wasser dabei, oder?

DIE D707

Ein Erlebnis der besonderen Art ist die D707. Sie gilt als eine der landschaftlich schönsten Straßen Afrikas. Entlang der rot schimmernden Weiten der Namibwüste und der schroffen Felswelt der Tirasberge ist man fast immer allein unterwegs. Nur selten begegnet man einem anderen Fahrzeug und nur wenige Gästefarmen laden zum verweilen ein. Im Gegensatz zur den Lodges, die überwiegend einen rustikalen aber gehobenen Standard anbieten, handelt es sich hierbei um landwirtschaftliche Betriebe, die zumeist einfach gestaltete Unterkünfte und Campingmöglichkeiten anbieten. Dafür wird man für die Zeitdauer des Aufenthalts von der Farmfamilie “adoptiert”. Es werden Hintergründe vermittelt, die ansonsten unentdeckt geblieben wären und Einblicke in den Arbeitsalltag der in Namibia lebenden Menschen gewährt. Der abendliche Farm-Drive, eine geführte Erkundungstour auf dem Farmgelände, und das gemeinsame Essen stellen dabei sicherlich einen Höhepunkt dar. Man tauscht sich mit Farmern und Gästen aus und isst so ungewöhnliche Dinge wie Kudu, Oryx, Zebra oder Springbock. Ach ja, Warzenschwein steht auch manchmal auf dem Speisezettel.

TOK TOKKIE TRAIL

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Wer das Abenteuer Wüste hautnah erleben möchte, dem ist eine geführte Wüstentour zu empfehlen. Der Tok Tokkie Trail im Namib Rand Nature Reserve vermittelt im Rahmen einer dreitägigen Wanderung sehr anschaulich den Lebensraum Wüste, seine Besonderheiten und die Überlebensstrategien der Tier- und Pflanzenwelt. Nach einem abenteuerlichen Ritt mit dem hauseigenen Geländewagen, der die Tour-Teilnehmer von der Basisfarm “The Duine” in das angrenzende Wüstengebiet bringt und ausgestattet mit einem Rucksack, der Wasser und Verpflegung enthält, beginnt die Wanderung in Richtung des ersten Tagesziels.

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Von den Alltagsgegenständen befreit, kann man die Wüste in vollen Zügen genießen. Das Handy, sofern überhaupt mitgenommen, bleibt ausgeschaltet. In großen Teilen Namibias gibt es ohnehin keinen Empfang. Mit zunehmender Dauer taucht man immer tiefer in die Umgebung ein, folgt den Erklärungen des Guide, beteiligt sich an der Suche nach besonderen Tieren und Pflanzen, tauscht sich mit seinen Mitreisenden aus oder schweigt einfach nur und lauscht dem Geräusch der eigenen Schritte im Sand.
Eine Uhr ist nicht erforderlich, die Sonne regelt die Zeit. Im Nachtlager angekommen steht ein wetterfestes Feldbett bereit. Erst einmal verschnaufen und den Luxus eines kühlen Getränks genießen, während die Sonne am Horizont langsam hinter den Bergen versinkt. Eine Dusche der besonderen Art, mit Blick auf die Wüste und warmen Wasser aus einem alten Zinkeimer, der an einem “Galgen” befestigt bedrohlich über dem eigenen Kopf baumelt, spült vor dem Abendessen den Staub des Tages herunter. Das vor Ort zubereitete Drei-Gänge-Menü wird serviert während der Sternenhimmel über der Wüste zu funkeln beginnt. Eine grandiose Kulisse. Irgendwann sinkt man zufrieden in seinen Schlafsack, löscht die Petroleumlampe und genießt das tiefblaue Nichts. Angesichts des sich bietenden Schauspiels fällt das Einschlafen schwer, aber irgendwann entschwebt der Geist mit einem Gefühl unendlicher Zufriedenheit der Szenerie. In der Nacht taucht der Mondschein die Landschaft in ein fahles, blau schimmerndes Licht. Geweckt von dieser ungewöhnlichen Erscheinung und behütet in seinem warmen Schlafsack saugt man das sich bietende Schauspiel förmlich in sich auf.

AUF SPURENSUCHE

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In der Wüste beginnt die Dämmerung früh. Gegen 5:00 Uhr morgens wird es langsam hell. Ein neuer Tag beginnt. Leise klingende Betriebsamkeit ist zu hören. Das Frühstück wird vorbereitet. Schon bald nähern sich leise Schritte dem Schlafgemach. Mit einem freundlichen: “morning, did you sleep well” wird dem noch schlaftrunkenen Tourteilnehmer Tee oder Kaffee serviert und die Waschgelegenheit mit heißem Wasser befüllt. Die Farben der Nacht weichen den warmen Rot- und Orangetönen des Morgens. Von Minute zu Minute ändert sich die Umgebung. Licht und Schatten kreieren bizarre Gebilde. Während des Frühstücks weicht die Müdigkeit langsam aus dem Körper. Noch beeindruckt von der zurückliegenden Nacht und dem soeben erlebten Sonnenaufgang freut man sich bereits auf die Dinge die da noch kommen werden. Zusammen mit den Mitreisenden werden die Gefühle im stillen Einvernehmen geteilt. Nach dem ausgiebigen Frühstück wird zur Spurensuche ausgeschwärmt. Zahlreiche Abdrücke im Sand verraten die Jäger und Sammler der Nacht und frühen Morgenstunden. Ob Käfer, Geckos, Eidechsen oder Skorpione, in der Wüste herrscht zu diesen Zeiten Rushhour. Man wandert zügig aber doch entspannt und genießt seine Umgebung, die durch das inzwischen geschulte Auge viel bewusster wahrgenommen wird. Zeit und Raum verlieren an Bedeutung, ein Leben im Einklang mit der Natur. Während der Mittagshitze wird unter einem Kameldornbaum gerastet und ein Sonnesegel spendet zusätzlich Schatten. Man ruht sich aus und beobachtet von seinem Liegestuhl aus das Treiben der Webervögel, die ihr Nest kunstvoll an einem großen Ast befestigt haben. Viel zu schnell vergeht die Zeit und das Ziel der Wanderung ist erreicht. Jede Minute der Tour wurde intensiv erlebt und entfaltete eine nachhaltige Wirkung, von der noch Wochen und Monate gezerrt werden kann.

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DER WEG IST DAS ZIEL

Ob Gästefarmen, Lodges oder Tok Tokkie Trail ist nicht entscheidend. Überall in Namibia besteht die Möglichkeit Wüste zu erleben. In der Umgebung einer komfortablen Lodge, der intimen Atmosphäre einer Gästefarm oder während der Wanderung auf dem Tok Tokkie Trail. Entscheidend ist sich auf das Erlebnis einzulassen. Gelingt dies, so wird die Reise einen bleibenden Eindruck hinterlassen, der auch nach Abschluss des Urlaubs lange nachwirkt. Schließlich ist man selbst die Triebfeder seines Lebens, in dem die Inhalte nicht statisch, sondern jederzeit änderbar sind. Wie heißt es doch so schön: Jeder ist seines Glückes Schmied. In Windhoek besteigt man schließlich seinen Flieger und startet Richtung Heimat. Mach’s gut Namibia, ich werde wiederkommen.

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