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Wassermenschen

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© fotografie fotograf hamburg – www.ingoboelter.de

Ein surrendes Geräusch durchbricht die so undurchdringlich erscheinende Stille und wird beständig lauter. Über der Deichkrone sind die Umrisse von zwei Personen auszumachen, die eingehüllt in regendichte Kleidung auf einem eigentümlich anmutenden Gefährt langsam näher kommen. Die Kopfbedeckungen sind tief ins Gesicht gezogen, ein Ausdruck ist kaum zu erkennen. Am Deichsockel angelangt wird die Geschwindigkeit der Lore gedrosselt. Jetzt ist auch das so typische gleichmäßig, schlagende Geräusch zu hören, das entsteht, wenn die Lorenräder über die Verbindungsstellen der Schienensegmente rumpeln. Der Gang wird herausgenommen, die Lore rollt aus und kommt neben uns zum Stehen. Claudia Nommensen begrüßt uns freundlich während ihr Mann Jürgen von der Lore herunter steigt. Wir erfahren, dass der mit uns vereinbarte Überfahrttermin zusätzlich dazu benutzt werden soll, alle notwendigen Besorgungen auf dem Festland durchzuführen. Denn Einkaufsmöglichkeiten gibt es auf Oland, dem Ziel unserer Reise, nicht. In ein paar Stunden, wenn der Wasserstand es wieder zulässt, wird er wieder abgeholt. Unser Gepäck wird verstaut und wir nehmen auf einer rustikal anmutenden Sitzbank Platz. Decken werden gereicht, die wir gern annehmen. Während der halbstündigen Überfahrt kühlt man leicht aus. Die Zeit drängt und die Lore nimmt wieder fahrt auf. Diesmal in die entgegengesetzte Richtung. Der Lorendamm, der Oland mit dem Festland verbindet, ist nur zu bestimmten, ständig wechselnden Tageszeiten sicher befahrbar. Bei Flut reicht das Wasser bis an die Gleisschwellen heran. Auf die Schienen gespültes Treibgut kann die Lore dann leicht zum entgleisen bringen. Bei Geschwindigkeiten bis ca. 60 Km/h eine nicht zu unterschätzende Gefahr.

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Doch zunächst müht sich die Lore langsam den Deich hinauf. Auf der Deichkrone angekommen können wir zum ersten Mal das Wattenmeer und die der Küste vorgelagerten Halligen erkennen. Eine frische, nach Salz und Watt riechende Brise umweht uns. Wir saugen die Luft ein und kriechen tiefer unter unsere Decken. Kurz hinter der Seeseite des Deichs beginnt der aus Holzbohlen errichtete alte Lorendamm. Er macht einen betagten, leicht baufälligen Eindruck. Claudia Nommensen sucht die Fahrtstrecke nach weiteren, uns entgegen kommenden Loren ab. Die Verbindung von Dagebüll nach Oland und weiter zur Hallig Langeneß ist nur eingleisig befahrbar. Entgegenkommende Loren müssen auf einer der Ausweichstellen warten. Wer Vorfahrt hat ist klar geregelt, erfahren wir.

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Als sicher ist, dass keine weitere Lore unserer Weiterfahrt im Wege steht, drückt Claudia Nommensen aufs Gaspedal und das in Eigenfertigung hergestellte und mit einem Rasenmähermotor angetriebene Unikat beginnt lautstark dröhnend zu beschleunigen. Die eigentliche Überfahrt beginnt. Eine Unterhaltung ist jetzt schwierig, da zusätzlich zum Motorengeräusch der Fahrtwind die Worte verweht. Ta-Tok, Ta-Tok, Ta-Tok, dieses monotone, hämmernde Geräusch begleitet uns auf der gesamten Strecke. Möwen sitzen auf dem Schienenstrang und fliegen erst in letzter Sekunde auf. Zusehends nimmt die Hallig Kontur an. Die Warft und die auf ihr errichteten Häuser sind bereits gut zu erkennen.

ERST MAL RUNTERKOMMEN

Kurz vor erreichen unseres Ziels wird die Geschwindigkeit erneut reduziert. Unser Gefährt rollt aus und kommt vor der einzigen Warft Olands langsam zum stehen. Claudia Nommensen klettert von der Lore, erklimmt zügigen Schrittes die Warft und ist auch schon aus unserem Sichtfeld verschwunden. Wir wollen gerade nach unseren Taschen greifen, da sehen wir sie mit einer Schubkarre im Schlepptau zurückkehren. Alles lamentieren: “Wir können das wenige Gepäck die paar Meter doch schnell selber Hochtragen”, hilf nicht. Also Gepäck in die Karre und mit Anlauf die Warft hinauf. Oben angekommen sehen wir dann zum ersten Mal das Wohnhaus der Familie. Von der Straße aus war lediglich das reetgedeckte Dach zu erkennen. Energisches Hundegebell schallt uns entgegen. Schwanz wedelnd aber zunächst reserviert werden wir vom Hund der Familie begrüßt und zugleich kritisch in Augenschein genommen. Kann man den Ankömmlingen trauen, was wollen die überhaupt hier, scheint der Hund zu denken. Ach egal, sehen doch nett aus.

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Die Taschen geschultert geht es die Treppe hinauf in unsere kleine Ferienwohnung, die für die nächsten Tage unser zu Hause sein wird. Das Frühstück wird jeden Morgen aufs Zimmer gebracht, erfahren wir. Besondere Wünsche werden gern entgegengenommen. Welch ein Service! Wir schließen die Tür und sind zum ersten Mal an diesem Tag allein. Stille umgibt uns. Klein Fahrtwind mehr, keine Lore die uns durchschüttelt, keine Aufgaben, die unbedingt zu erledigen sind. Einfach nur Stille. Unterbrochen lediglich durch vereinzelte Vogellaute, dem leisen rauschen des Windes und den gedämpft an unser Ohr dringenden Alltagsgeräuschen, verursacht durch unsere Gastgeber. Wir packen unsere Taschen aus und begutachten erst einmal neugierig unser Quartier. Uns jetzt, denken wir? Was sollen wir nun anfangen mit unserer Zeit auf dieser Schüppe Land mitten im Wattenmeer. Nach kurzem Grübeln kommen wir zu dem Schluss, dass für uns genau drei Möglichkeiten in Frage kommen: Lesen, spazieren gehen oder in eine mittelschwere Depression verfallen. Wir entscheiden uns für die ersten beiden Möglichkeiten

LANGENEß – EINE HALLIG DER “SUPERLATIVE”

Zum Glück sind wir keine Halliganfänger mehr. Bei einem vorherigen Besuch von Langeneß konnten wir bereits erste Erfahrungen mit diesem in jeder Hinsicht extremen Lebensraum sammeln. Stille und Dunkelheit und die wenigen Möglichkeiten der Ablenkung durch Shopping, Kinobesuche etc. sind wohl die größten Herausforderungen und können einer an Reizüberflutung leidenden Großstadtseele die ersten Stunden des Aufenthalts ganz schön zu schaffen machen. Aber dieser innere “Entzug” lohnt sich. Das stellt man allerdings erst später fest.

Die Hallig Langeneß ist, zumindest was die räumliche Dimension betrifft, der großer Bruder von Oland. Das ca. 1100 Hektar Eiland bietet ausreichend Raum für seine 109 Einwohner, die auf 18 Warften verteilt leben. Mit gerade einmal 117 Hektar ist Oland in etwa um den Faktor zehn kleiner als Langeneß. Dreißig Einwohner leben hier in 17 Wohnhäusern auf einer einzigen Warft.

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Langeneß verfügt über einen Kaufmann, mehrere Kneipen bzw. Cafes, ein Museum, eine historische Kirche und eine Jugendherberge. Auf Langeneß tobt für Halligverhältnisse das Leben. Verbunden sind die Warften mit einem Netz kleiner, asphaltierter Wege, die für den Autoverkehr freigegeben sind. Obwohl gerade einmal ein Auto oder ein dreiviertel Trecker platz finden und links und rechts tiefe Entwässerungsgräben die Straße säumen wird teilweise mit erheblichem Tempo gefahren. Aber wer nun gedacht hätte, der Arm des Gesetzes würde diesen Flecken nicht erreichen, der täuscht sich. Selbst hier werden Verkehrskontrollen durchgeführt und man kann seinen Führerschein wegen zu hoher Geschwindigkeit oder aus anderen hochprozentigen Gründen verlieren.

INSEL DER BESONDEREN ART

Der wesentliche Unterschied zu einer Insel besteht wohl darin, dass große Teile einer Hallig bei hohen Wasserständen vollständig überspült werden. Dann ragen lediglich die Warften, kleine Erdhügel auf denen die Wohnhäuser errichtet sind, aus dem Wasser. Es herrscht “Landunter”. Sämtliches auf den Salzwiesen grasende Nutzvieh muss in die Ställe der Warft getrieben werden.

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Einer Art Trutzburg gleichend stemmt sich die Warft für die nächsten Stunden dem Wasser entgegen, das bei hohen Sturmfluten schon mal bis an die Wohnhäuser heranreichen kann. Langeneß und Oland sind wie alle bewohnten Halligen an der Westküste Schleswig-Holsteins stark vom Tourismus abhängig. Doch viele der Halligbewohner haben ein zusätzliches Standbein in der Landwirtschaft oder dem Küstenschutz und so eine gewisse finanzielle Unabhängigkeit. Die Begegnung mit den Feriengästen beschränkt sich in der Regel darauf Heerscharen von Tagestouristen, die für wenige Stunden die Hallig bevölkern, zu verköstigen und Interessierten einen Einblick in das Halligleben zu vermitteln. Nur wenige bleiben länger. Der überwiegende Teil der Besucher kehrt in die Halliggaststätte ein und lässt es sich kulinarisch gut ergehen. Noch schnell eine kurze Wanderung um etwas Atmosphäre einzusaugen und dann geht es auch schon wieder mit der Fähre zurück zum Festland. picture_3Von dem eigentlichen Halligleben bekommt man während dieses Kurzaufenthalts nur wenig mit. Denn hierfür benötigt man Zeit und diese scheinen viele Besucher nicht investieren zu wollen. Hinzu kommt, dass das eigentliche Halligleben wohl eher in den Wintermonaten stattfindet, wenn die Fähre die Halligen nur noch selten anläuft und vielen das Klima zu rau und regnerisch für einen Besuch erscheint. Die Halligbewohner sind dann nahezu unter sich, können ihren Traditionen pflegen und Kraft für die nächste Saison schöpfen.

HALLIGLEBEN

Wir haben unsere sieben Sachen inzwischen verstaut und brechen zu einer ersten Erkundungstour auf. Nach dem wir die so genannte Steinkante erreicht haben, die Oland einsäumt, sehen wir, dass unsere Vermieterin offensichtlich den gleichen Gedanken hatte. Hund und Frauchen machen sich daran die Hallig in der entgegengesetzten Richtung zu umrunden. Auf Oland gibt es eben nur zwei Möglichkeiten einen Sparziergang zu unternehmen denken wir schmunzelnd und, auf Oland bleibt wirklich nichts im Verborgenen da sind wir uns sicher. Unausweichlich trifft man sich auf halber Strecke und hält Smalltalk. Ist doch schön denken wir und setzen unseren Weg fort.

Aber auch auf Oland sind neue Zeiten angebrochen. Zwar sind Ruhe und Natur nach wie vor die Hauptgründe für einen Halligurlaub. Zusehends halten jedoch neuen Strömungen Einzug. Wellness ist auch hier inzwischen ein Begriff. Ob Massage, Aromaölbehandlung oder Fußreflexzonenmassage hier gibt es das volle Programm. Ergänzt durch lange Spaziergänge in der salzhaltigen Luft Erholung pur.

Am nächsten Abend sind wir allein bei den Nommensens. Claudia und Jürgen wollen rüber zum Feuerwehrball nach Langeneß. Auch Claudia ist in der Freiwilligen Feuerwehr engagiert. Denn wer soll schließlich löschen, wenn die Männer gerade mal nicht da sind, sagt sie uns. Der Weg vom Festland ist schließlich viel zu weit. Und wie sollte die Feuerwehr auch auf die Hallig gelangen. Kurz vor Sonnenuntergang versammelt sich ganz Oland vor der Warft. Es werden “Lorengemeinschaften” gebildet. Denn eine eigene Lore ist teuer und die Aufwendungen hierfür kann oder will nicht jeder Halligbewohner leisten. Nach und nach verlassen die Loren die Hallig. Der Lorendamm, der Oland auch mit Langeneß verbindet, wird bereits vom Wasser umspült. Jürgen hält seine Feuerwehrmütze fest umschlossen, stemmt sich gegen den Wind und gibt Gas. Claudia hinten auf dem Sozius. Das Gefährt Marke Eigenbau nimmt Fahrt auf und wird von Sekunde zu Sekunde schneller. Nach kurzer Zeit sind die beiden kaum noch auszumachen. Die Lore wird förmlich vom Meer verschluckt. Ein unwirkliches Bild.

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Jürgen zeigt uns am nächsten Tag “seinen” Leuchtturm. Dieses ca. 7 Meter kleine Bauwerk mit seinem reetgedeckten Dach ist zwischen den übrigen Wohnhäusern kaum auszumachen. Jürgen ist übrigens der Leuchtturmwärter. Einer seiner vielen Berufe, die er auf der Oland ausübt. Wir klettern die kleine Leiter empor, die uns in den ersten Stock des Leuchtfeuers führt. picture_81Es dient als Quermarkenfeuer für das “Föhrer Ley” und das “Dagebüller Fahrwasser“. Bereitwillig wird uns die Funktionsweise des Turms erklärt. Wir sind begeistert. Schließlich bekommt man nicht allzu oft die Gelegenheit ein in Betrieb befindliches Leuchtfeuer zu betreten noch dazu mit einem persönlichen Guide und ohne schweißtreibenden Aufstieg, denn dafür ist er einfach zu klein.

ZU GUTER LETZT

Nach Tagen der Erholung steht die Rückreise an. Natürlich wieder mit der Lore. Doch zuvor muss das eigentümliche Gefährt erst einmal in die Spur befördert werden. Ein Nachbar hilft. Mit Hebelkraft wird das Gefährt auf die Schienen gewuchtet. In Decken gehüllt genießen wir den langsamen Abschied von Oland. Wir freuen uns auf Zuhause. Die Tage waren schön aber nun brauchen wir wieder etwas mehr Trubel um uns herum. Wir blicken noch einmal zurück und sehen wie die Hallig am Horizont stetig kleiner wird. Schön war es. Sollten wir Oland erneut einen Besuch abstatten, dann sicherlich bei unserer Gastfamilie. Wo auch sonst, schließlich bleibt auf einer Hallig nichts im Verborgenen. Und man will es sich schließlich nicht mit dem Großteil der Bewohner verderben.

2 Kommentare zu “Wassermenschen

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